Partnersuche: Wo sind die Männer, wo sind die Frauen?
«Es gibt einfach keine Männer mehr», sagt meine Freundin Claudia ungefähr einmal im Monat. Ihr Arbeitskollege sagt dasselbe über Frauen. Beide wohnen in Winterthur, beide sind Mitte vierzig, beide suchen. Irgendwo müssen sie also sein. Ich habe mir angeschaut, was die Statistik dazu sagt, und was die Zahlen der Dating-Plattformen eigentlich messen. Spoiler: nicht immer das, was man denkt.
Wo sich Paare in der Schweiz heute kennenlernen
Die beste Quelle dazu ist die Erhebung zu Familien und Generationen des Bundesamts für Statistik (BFS). Für die Ausgabe 2023 wurden 18 317 Personen zwischen 15 und 79 Jahren befragt. Eine der Fragen: Wo habt Ihr Euch kennengelernt?
Bei Paaren, deren Beziehung in den letzten fünf Jahren begonnen hat, sieht das so aus:
- 28 % über den Freundes- und Bekanntenkreis
- 27 % über das Internet (Apps, Dating-Seiten, soziale Netzwerke)
- 19 % in Schule, Ausbildung oder bei der Arbeit
- 8 % in Bar, Disco, an einem Konzert oder einer Party
- 8 % über ein Hobby, einen Verein oder Sport
Spannend wird es im Vergleich. Bei Beziehungen, die vor mehr als 15 Jahren begonnen haben, lag das Internet bei gerade mal 3 %. Die Bar dagegen bei 18 %. Heute sind es dort nur noch 8 %. Mit anderen Worten: Der Ausgang hat als Kennenlernort massiv verloren, das Internet hat fast mit dem Freundeskreis gleichgezogen.
Und noch ein Detail, das mich überrascht hat: Eine Studie der Universität Genf (Gina Potarca, veröffentlicht 2020, auf Basis früherer BFS-Daten) zeigt, dass Apps in der Schweiz seit 2016 die klassischen Dating-Websites als wichtigsten Online-Weg überholt haben. Die gleiche Studie fand, dass Paare aus Apps nicht weniger zufrieden sind als andere. Das Vorurteil, online entstünden nur flüchtige Geschichten, hält den Daten also nicht stand.
Was das für Deine Suche heisst
Die ehrliche Antwort auf «Wo sind sie?» lautet: überall ein bisschen, aber vor allem an zwei Orten. Im Freundeskreis und online. Wer nur auf einen Kanal setzt, verschenkt die Hälfte.
Praktisch heisst das: Sag Deinen Freundinnen und Freunden ruhig, dass Du offen bist für neue Bekanntschaften. Das klingt altmodisch, ist aber laut BFS immer noch der Weg Nummer eins. Geh zu dem Geburtstagsfest, auf das Du keine Lust hast. Und parallel dazu: ein Profil auf einer Plattform, die zu Dir passt. Nicht fünf.
Die Genfer Studie liefert noch einen interessanten Punkt: Online entstehen häufiger Paare, die sich im Alltag nie begegnet wären, weil sie unterschiedliche Ausbildungen haben oder weiter voneinander entfernt wohnen. Genau das ist der Vorteil gegenüber dem Freundeskreis, der sich ja meistens um die immer gleichen Leute dreht.
Frauenanteil, Männeranteil: Was die Plattformen zeigen
Jetzt zum heiklen Teil. Viele Plattformen werben mit einem Verhältnis von Frauen und Männern. Und hier wird es verwirrend, sogar auf ein und derselben Seite.
Auf der Startseite von be2, VerliebtAb40 und Zusammen.ch steht laut Anbieter: knapp eine Million registrierte Nutzer, davon 57 % Frauen und 43 % Männer. Weiter unten auf Zusammen.ch (und auch bei Aktiv & Verliebt) steht dann: im Premium-Bereich 56 % Männer und 44 % Frauen. Wie geht das zusammen?
Ganz einfach: Das sind zwei verschiedene Messungen.
- Die 57 % Frauen zählen alle Registrierten, also jeden, der sich irgendwann ein Gratisprofil angelegt hat.
- Die 56 % Männer zählen nur die zahlenden Mitglieder im Premium-Bereich (laut Anbieter Stand November 2024).
Stell Dir einen Tanzkurs vor. Auf der Anmeldeliste stehen mehr Frauen, aber an einem gewöhnlichen Dienstagabend stehen mehr Männer auf dem Parkett. Beides stimmt, es sagt nur etwas anderes aus. Übersetzt auf Dating heisst das vermutlich: Frauen melden sich häufiger an, Männer schliessen häufiger ein Abo ab. Wer wie aktiv ist, verrät keine der beiden Zahlen.
Dazu kommt: Diese Blöcke sind auf allen Marken der be2-Gruppe gleich, weil sechs der sieben Seiten, die wir vergleichen, von derselben Firma betrieben werden und teilweise auf eine gemeinsame Profildatenbank zugreifen. Die Zahlen beschreiben also die ganze Gruppe, nicht die einzelne Marke, und sie sagen nichts darüber, wie viele Singles in Deiner Region wohnen. Bei C-Date, der Casual-Seite aus der Schwesterfirma, stammt das Verhältnis 52 % Frauen zu 48 % Männern laut Anbieter aus dem Jahr 2022 und gilt weltweit. Für Zürich oder St. Gallen ist das wenig aussagekräftig.
Mein Fazit: Nimm solche Prozentzahlen als groben Hinweis, nicht als Versprechen. Viel wichtiger als das Geschlechterverhältnis ist, ob die Leute auf der Plattform dasselbe suchen wie Du.
Welche Plattform für welches Alter und welche Absicht
Weil die Datenbank zum Teil geteilt ist, unterscheiden sich die Marken vor allem darin, wen sie ansprechen und wie sie auftreten. Die folgende Übersicht hilft Dir, eine auszuwählen, statt Dich bei allen anzumelden.
| Plattform | Zielgruppe | Absicht | Gut zu wissen |
| be2 | laut Testberichten vor allem 40 bis 60 | feste Beziehung | die «Mutter» der Gruppe, Persönlichkeitsanalyse, App vorhanden |
| eDarling | früher vor allem 30 bis 50 | feste Beziehung | wird neu von be2 betrieben, App derzeit «demnächst verfügbar» |
| Academic Singles | gebildete Singles, kein festes Alter | feste Beziehung | Vorschläge berücksichtigen das Bildungsniveau |
| VerliebtAb40 | ab 40 | feste Beziehung | spricht den Alltag mit Job, Kindern und Ex offen an, keine App |
| Zusammen.ch | ab 50 | feste Beziehung | früher Kultivierte Singles, App vorhanden |
| Aktiv & Verliebt | sportliche, aktive Singles | Beziehung mit gemeinsamen Hobbys | junge Marke, keine App |
| C-Date | ab 18 | unverbindlich, Casual | Schwesterfirma Interdate, viel Anonymität bei Fotos |
Ein paar Faustregeln aus meiner Sicht: Wenn Du über 50 bist und etwas Ernstes suchst, ist Zusammen.ch der naheliegende Start. Zwischen 40 und 50 passt VerliebtAb40 oder be2, je nachdem, ob Dir eine App wichtig ist. Wenn Dir der Bildungshintergrund wichtig ist, lies unseren Test zu Academic Singles. Und wer ehrlich gesagt gerade nichts Festes will, ist bei C-Date besser aufgehoben als auf einer Seite für Beziehungen, wo man mit einem solchen Absicht nur Enttäuschungen produziert.
Zu be2 ›
Und wenn es trotzdem nicht klappt?
Dann liegt es meistens nicht daran, dass es «keine Männer» oder «keine Frauen» gibt. Sondern an zu engen Filtern, einem Profil, das seit drei Jahren gleich aussieht, oder schlicht an Müdigkeit. Dazu habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Raus aus der Sackgasse.
Claudia hat übrigens ihre Altersgrenze um fünf Jahre nach oben verschoben. Seither beschwert sie sich deutlich seltener.
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